Leben

Campingurlaub

… sechster Tag.

Ich spüre, wie alles von mir abfällt, wie immer.

Die ersten zwei Tage waren die Hölle. Angekommen in der Hitze, während sich am Horizont ein Gewitter zusammenbraute. Schnell das Zelt aufgebaut, mit einem Auge nach den Kindern geschaut, die ihre ersten Entdeckungstouren unternahmen. Etwas unruhig, ich konnte doch nicht wissen, ob irgendwo Gefahren lauerten… (Heute denke ich: Unnötig. Auf einem Familiencampingplatz lauern keine Gefahren. Und zum Weglaufen gab es keinen Grund.)

Kaum waren die Sachen verstaut, ging das Gewitter mit Karacho los. Dafür schmeckten die üblichen Dosenravioli dreimal so gut,  geborgen im Vorzelt zwischen dem ganzen Chaos hockend, während gleichzeitig der Regen auf die Zeltplane runterkrachte, dass die lärmempfindliche (obwohl schwerhörig) Kleine  herumquengelte: „Das ist so laaaaaut!“

Ich ging zeitgleich mit den Kindern schlafen, egal.

Am nächsten Morgen erwachte ich bereits um halb sechs, kochte mir einen Kaffee und beobachtete, wie die Sonne aufging. Das war dann auch der ruhigste Moment des Tages, im Nachhinein, aber ich wusste wieder, warum ich das Campen so liebe, vor allem als Frühaufsteherin: Morgens, wenn alle noch in ihren Zelten liegen, der Tau auf der Wiese glitzert, man nur ein paar Vögel hört und das gelegentliche Ratschen eines Reißverschlusses, draußen zu sitzen und einen verwegenen Pulverkaffee aus einer Emaille-Tasse zu trinken. Silence as silence can. Frieden.

Am Abend allerdings ging gar nichts mehr. Das ist dann der Nachteil „Alleinerziehender“: Man ist eben für alles allein verantwortlich. In diesem Fall dafür,  dass das Zelt steht, das Sonnen- (bzw. Regen-)segel nicht wegfliegt, die kleine Tochter stets einen sauberen Hintern hat und eine  frische Unterhose bekommt, wenn sie mal wieder den Weg zum Sanitärgebäude unterschätzt hat, das Essen gekocht wird, das Plastikgeschirr gespült wird, das mit Joghurt vollgekleckerte Monopoly aus den Achtzigern entsorgt wird, dass Socken trocken und Gummistiefel mit Zeitungspapier ausgestopft werden und dass man den Kindern angemessene Aufmerksamkeit zuteil kommen lässt, wenn sie zum x-ten Mal rufen, „Mama, komm mal! Mama, guck mal! Mama, komm mal mit!“
Und man ist eben auch die Einzige, die sich das Gequengel, das Gezicke, die Unzufriedenheit anhören muss.

Abends fragte ich mich selbstmitleidig: Wo bleib ich eigentlich hier bei dem ganzen Spaß? So war das aber nicht gedacht! Ich wollte mich doch auch ein bisschen erholen! Ich wollte doch mit den Kindern eine schöne Zeit verbringen, und jetzt nur Chaos, Tränen, Enttäuschung.

Aber dann wurde mir beim Wein in der abendlichen, dunklen Ruhe  wieder einmal mehr klar: Ich bin auch Gestalter. Ich muss erstmal selbst wissen, was ich will, dann kann ich die Kinder ruhig und sicher leiten. Ein Kapitän wird auch ins Schlingern geraten, wenn er seinen Kurs nicht kennt.
Und, eventuell noch wichtiger: Den Urlaub als eine Zeit zu sehen, in der alles perfekt funktioniert, funktioniert nicht. Die Kinder sind die Kinder wie sie sind, und ich bin ich, wie ich bin. Wie könnte es da nicht auch im Urlaub Konflikte geben?
Und wieso denkt man eigentlich, dass der Urlaub die schönste Zeit des Jahres sein muss? Eigentor.
Urlaub ist eine Auszeit, in der man aber endlich mal Gelegenheit hat, seine eigenen Muster zu überprüfen.

Und so langsam kommt sogar etwas wie Erholung. Wir sind angekommen… 🙂

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