Essen, Leben

Schön genug.

Seit ein paar Wochen hadere ich mal wieder mit meinem Gewicht. Fünf Kilo mindestens zuviel, sogar objektiv. Mein BMI bei 26 Komma irgendwas, die Stelle hinterm Komma schwankt. Mein Schatz und ich (vor allem ich, er springt bloß auf) machen Scherze. Kürzlich kam bei Karambolage auf Arte ein netter Beitrag: Der Lieblingsbegriff einer deutschen Studentin in Paris ist „poignée d’amour“, das französische Wort für Speckrolle, wörtlich zu übersetzen mit „Liebesgriff“. Schön, oder? Seither ist es ein geflügeltes Wort bei uns geworden. Poignée d’amour.

Seit Wochen zähle ich Kalorien, führe streng ein Ernährungstagebuch, wiege mich regelmäßig. Versuche, das „böse“ Essen zu reduzieren – und bekomme schlechte Laune davon.
Vor einer Woche gab ich dem Impuls nach und kaufte in einer Buchhandlung ein „Bauch-Beine-Po“-Gymnastikbuch, die Titelfrau (gleichzeitig Autorin) vorne drauf, stählern, stolz, gutaussehend. Seither liegt es im Regal. Ich bin über das Vorwort nicht hinausgekommen, es reichte mir schon. Allerdings wird mein Fleisch auch nicht straffer vom Nixtun und weiteressen…

Es muss am Januar liegen. Neues Jahr, neues Glück, neue Illusionen, allüberall, man könne ja nun endlich mal seinen Körper in die Nähe eines Ideals bringen. Gesünder essen, mehr Sport, abnehmen. Alle reden über ihre Figur, ihren Körper, das Essen.
Meine Kollegin ist dünn, sie hat eine starke Schilddrüsenüberfunktion. Sie würde gern zunehmen, es klappt nicht. Ihr wird schlecht, wenn sie zuviel isst. Meine Freundin hadert mit ihren Pfunden, dabei ist sie die schönste, rundeste, weichste Frau, die ich kenne, und sie hat das schönste Dekolleté der Welt. Eine Patientin erzählte gestern, dass sie sich seit zwei Wochen von Almased ernährt, und erzählt mir ernsthaft, sie fühle sich gut dabei. „Es ist ja hochwertiges Eiweiß, keine Chemie.“ Ich nicke bleiern, bin skeptisch, aber sage es nicht.

Und werde nachdenklich, wieder mal. Ein anderer Patient fragte mich am Montag etwas provozierend, wie es kommt, dass Frauen nie zufrieden mit ihrem Körper sind. Ich fand keine Antwort außer der vagen Beschuldigung der Medien.
Und erinnerte mich, dass die aktuelle Brigitte woman als Titelartikel „Wir sind schön genug!“ aufführt, mit dem Untertitel „Schluss mit dem ewigen Kampf ums Aussehen – Warum Frauen eine neue Körpersolidarität brauchen.“

Ich kaufte sie gestern. Und las noch neugierig im Auto, auf dem Parkplatz. Seither lässt es mich nicht mehr los. Dieser Artikel spart ein neues, am Ende frustrierendes Monatsabo bei Weight Watchers.. Er spart einen Knebelvertrag bei irgendeinem Fitnessstudio mit allerlei Schnickschnack-Angeboten, aber schlechter Beratung und Betreuung. Er spart Diätdrinks, Zero-Cola und das schlechte Gewissen nach einem spontanen, ungeplanten, zusätzlichen Essen mit Freunden, und er spart den Kauf von Fitnessbüchern, die im Regal keinen weiteren Sinn haben, als Besuchern den Eindruck zu vermitteln, man sei sportlich interessiert…

Die Autorin Christine Hohwieler lässt kein gutes Haar an diesem ganzen Körperpflege-, Komplettwaxing-, Diät- und Botoxzwang. Sie pocht auf das Recht, nicht immer sexy und verfügbar aussehen zu müssen, und vor allem, sie plädiert für eine neue Solidarität unter Frauen. Recht hat sie. Und vielleicht ist das ja ein nicht minderer Grund als die Medien für die ständige Nörgelei am eigenen Körper. Wenn Frauen sich gegenseitig skeptisch beäugen, übereinander lästern, Mütter ihren Töchtern schon spöttelnd in die Röllchen kneifen und abwertende Bemerkungen machen (selbst so erlebt!). Wie soll man da ein gesundes, selbstsicheres Verhältnis zu seinem Körper entwickeln???

Im Artikel zitiert sie die junge Feministin Laurie Penny: „Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten und sich in ihren Körpern wohl und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen.“ Ein großartiger Satz. Der zu einer weiteren Ursache der Unzufriedenheit von uns Frauen führt: Kapitalismus. Die Diätindustrie, jene, die dem Körperkult frönt, ein ganzer Zweig der Lebensmittelindustrie: All das lebt nur von dem Wunsch nach körperlicher Perfektion, von unser aller Streben nach Schönheit, Schlankheit und Jugend. Das muss man sich einfach mal klar machen.

Wir wurden über Jahre sozialisiert. Wir können dem nicht einfach entkommen. Und ja, was soll dabei sein, dass man sich hübsch zurecht machen möchte, dass man sich schminkt, schöne Kleidung trägt, sich bewusst ernährt. Es ist auch nichts dabei, Sport zu treiben, auch exzessiv. Die Frage ist immer jene nach der Motivation dahinter. Für wen oder was mache ich das hier eigentlich? Weil es MIR gut tut? Oder weil ich nach etwas strebe, das ich nie erreichen werde und der Frust somit vorprogrammiert ist?

Es wird Zeit, und da hat der Artikel recht, für eine neue Solidarität. Er endet etwas blumig, aber irgendwie hinterlässt der Absatz ein Lächeln auf meinen Lippen:
„Wir müssen anfangen, uns den Rücken zu stärken, uns zu unterstützen und gemeinsam zu wehren. Uns gegenseitig von von Diäten abhalten und vom Kauf absurd enger Röhrenjeans. Wenn wir es schafften, zu Komplizinnen zu werden, was wäre das für eine Freiheit, was für ein Spaß. Wir könnten uns Pralinen schenken und uns gegenseitig mit Sahnesaucen bekochen. Wir würden uns in luftig-rasante Kleider werfen und ein Highheel-Verbot aussprechen, bevor wir miteinander ausgehen,und dann bis morgens um vier in Turnschuhe tanzen. Vielleicht wäre das sogar das größte Geschenk, das wir einfahren könnten, wenn wir dem Schönheitswahn den Stinkefinger zeigten: Zeit. Jede Stunde, die wir nicht im Fitness-Studio schwitzen, könne wir mit Menschen verbringen, die wir lieben. Mit unseren Freundinnen, mit unseren Kindern, gern auch mit netten Männern. Oder wir können in dieser Zeit großartige Bücher lesen und statt unserer Muskeln unser Gehirn trainieren. Und, noch besser, unseren Töchtern ein Vorbild sein, denn es wird Spuren hinterlassen, wenn sie uns öfter mit klugen Freundinnen am Küchentisch lachen sehen, als einsam bei der Maniküre oder der Lektüre von Low-Carb-Diätbüchern. (…)“

Ein schöne Vision.
Natürlich ist mir bewusst, dass die Zeitschrift Brigitte und ihre Ableger selbst ihren Teil dazu beitragen, dass unser Schönheitsideal ist, wie es ist. In derselben Ausgabe, in der auch dieser Artikel erschien, sind allein sechzehn Modeseiten (Style like Tilda Swinton und Bleistiftröcke), eine Seite „Kosmetikmarkt“ und eine Werbung für die neue Brigitte-Diät (welche übrigens zeitgleich in der „Mutter“-Ausgabe erschien). Nicht mitgezählt: Die Schuh-Seiten und die ganze Werbung der Schönheits-, Kosmetik- und Modeindustrie.

Sei’s drum. Danke für diesen speziellen Artikel. Er hat mir einmal mehr die Augen geöffnet. Laurie Pennys Fleischmarkt ist bestellt, und ich werde ab heute mal öfter ein paar ehrlich gemeinte Komplimente verteilen. So viele schöne Frauen um mich herum! Und meinem Spiegel sage ich es als erstes.

Nachtrag heute (29.01.2013):
1.
Laurie Penny sollte von jedem und jeder gelesen werden. Die Lektüre macht wütend genug, um mit dem ganzen Quatsch mal aufzuhören, sich der Liebe zuzuwenden und sich dabei in seinem Körper „as it is“ wohlzufühlen. Ja, auch mit Speckrollen, unrasierter Bikinizone und Winterhaut. GERADE damit.
2.
Und um das zu bekräftigen: See the beauty here http://www.art-magazin.de/kunst/55229/akt_now_russell_peborde
3.
Zu der aktuellen Sexismus-Debatte ist vielleicht ein folgender, wichtiger Satz zu sagen: Manchmal sind wir Frauen uns selbst gegenüber mit all unseren Erwartungen, Zweifeln, unserem Selbsthass und der Nichtakzeptanz unseres wunderbaren und zuverlässigen Körpers auf eine Art sexistischer, als es je ein Mann zu sein vermag. Hören wir damit auf, dann kann uns auch nichts mehr kränken.

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