Leben

Nur arm? Oder auch arm dran?

Gute zwei Jahre ist die Trenung vom Vater meiner Kinder jetzt her. Erst jetzt steht die Scheidung kurz vor der Tür – und damit, weil danach das Trennungsunterhalt sukzessive wegfällt, auch die pragmatische Auseinandersetzung mit meiner künftigen finanziellen Situation.

Es wird nicht leicht. Ab Januar etwa fehlt mir ungefähr ein Viertel meines momentanen Einkommens, bis dahin wird es aber schon monatlich weniger. Ich habe beschlossen, die künftigen fünf Monate bereits zu nutzen, um mich darauf vorzubereiten. schon jetzt meinen Konsum soweit einzuschränken, dass ich mit dem jetzigen Trennungsunterhalt noch einen Puffer bilden kann.

Fakt ist (und das wusste ich immer): Ich steige mit der Scheidung sozial ganz klar ab, mein Ex-Mann steht künftig besser deutlich besser da. Ich bin froh, dass wir als Eltern noch gut miteinander kommunizieren können und auch die Kinder gemeinsam betreuen, trotzdem stellt unsere künftige Einkommensdifferenz ein Konfliktpotenzial dar. So wollte er nach der Scheidung alle Kinderkosten allein übernehmen, mir ist es aber wichtig, dass ich mich wenigstens prozentual, also nach Einkommen berechnet, daran beteilige. Ich möchte nicht wegen einer Jeans, die ich für mein Kind kaufe, um 10 € betteln. Oder jeden Schuhkauf dem Vater überlassen. Aber da liegt schon das Problem: Wer wird künftig den Maßstab setzen? Wer bestimmt, welche Schuhe „gut genug“ sind? Wie werden wir mit diesen Einkommensunterschieden umgehen?

Bislang haben wir auch Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke gemeinsam gekauft bzw. geschenkt. Wir wollten vermeiden, dass wir uns die Gunst der Kinder mit immer tolleren und teureren Geschenken zu erkaufen versuchen. Das ist bis jetzt gut gelungen. Wie wird das künftig sein, wenn er es sich theoretisch leisten könnte, ein hochwertigeres Geschenk zu machen?

Wie wird es für mich sein, wenn er in eine Vier-Zimmer-Wohnung gezogen ist, die er schon länger sucht, wo jede Tochter ihr eigenes Zimmer bekommt, während sie sich bei mir weiterhin eines teilen müssen und ich auch nur einen Wohn-/Schlafraum habe?

Wie werden es die Kinder bewerten, wenn sie mit Papa in den Ferien Strandurlaub machen, und sie mit mir nur, wenn überhaupt, zum Zelten fahren und die restliche Zeit im Schrebergarten verbringen (müssen)?

Ich merke, wie mir die Tränen kommen. Und wie sehr ich mich als Elternteil trotz aller geldlosen Liebe, die man für die Kinder empfinden kann und auch empfindet, über das Einkommen – und über Vergleiche mit anderen – definiert.

Wenn ich zurückblicke, bin ich eigentlich zufrieden, und auch „stolz“ (wenn es hier das richtige Wort ist). Ich bin den Weg der Trennung gegangen, trotz aller Schwierigkeiten, die auf diesem Weg lagen und liegen. Ich wusste immer, irgendwann kommt der Tag, an dem ich keine Unterstützung mehr bekomme. Und ich habe darauf hingearbeitet, dass ich uns drei dann ernähren kann und auf eigenen Beinen stehe.

Trotzdem ist es schwierig, wenn man antizipiert, auf was man künftig verzichten muss. Man kann im Grunde sagen: Das, was ich jetzt noch an Unterhalt bekomme, ist für die Beruhigung im Leben. Für kleinen Luxus, mal essen zu gehen, mit den Kindern ein Wochenende irgendwohin zu fahren, nicht den Cent umdrehen zu müssen, wenn man mal zur Biomilch greift.

Mir wird aber auch klar, dass es viele Menschen gibt, die mit sehr viel weniger auskommen müssen. Die jeden Tag aufs Neue überlegen, wie sie ihre Kinder satt bekommen. Für die ein kaputter Schulranzen einer mittleren Katastrophe gleichkommt. Die Wochen auf neue Schuhe für die Kinder sparen. Und die ihre Kinder trotzdem lieben, auch wenn es pathetisch klingen mag.

Ich glaube, das Wichtigste, was ich lernen muss, ist, zu meiner Situation zu stehen. Ja, ich bin alleinerziehend. Ja, ich lebe in einer kleinen Zweizimmerwohnung. Nein, ich kann nicht in den Urlaub fliegen. Ja, mein Auto ist alt und unansehnlich. Nein, die Kinder bekommen keine Sachen von Esprit und auch keine von Jako-o. Weder ein nagelneues Fahrrad noch ein Handy. Die Frage „Wer bestimmt den Maßstab?“ greift auch hier.

Als ich mich gerade getrennt hatte, traf ich mich mit zwei Freundinnen, beide Besitzerinnen von Eigenheim. Ich hatte mir gerade meine Wohnungseinrichtung zusammengesammelt, teilweise durch Schenkungen, teilweise durch preiswerten Kauf, auch gebraucht. Den ganzen Abend unterhielten sich die beiden darüber, was sie noch alles bei Ikea anschaffen wollten, damit das Kinderzimmer richtig schön wird. Was am Haus noch gemacht werden müsse. Und ach, wie teuer das alles sei. Ich dachte damals schon, „merkt ihr eigentlich gar nicht, auf welch hohem Niveau ihr eigentlich jammert?“

Ich beobachte das bei vielen befreundeten Paaren, die sich gemeinsam etwas aufbauen: Es ist nicht nur sachlich das Haus, in das sie investieren. Konsum, der etwas darstellt, das heißt zum Beispiel Verschönerungen, Möbel, eine nagelneue Küche mit den tollsten Elektrogeräten ist immer auch wichtig. Gleichzeitig jammern fast alle, wie teuer alles ist. Manchmal denke ich ketzerisch: „Was, wenn ihr alles verliert? Wenn ihr alles wieder hergeben müsst, das Auto, das Haus, die schönen Möbel: Was bleibt von euch übrig?

Ich bin sicher, die meisten würden sich berappeln. Aber der Schmerz, wenn man alles verliert, zeigt, wie sehr wir daran hängen und uns darüber definieren.

Und so versuche ich meine Situation als Herausforderung zu sehen, dem Konsumzwang, dem fast jeder unterworfen ist (mich eingschlossen) den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Ein großes Vorbild hierbei ist für mich Anne Donath. Bei Beckmann erzählte sie kürzlich, dass sie sich von den 300 €, die ihr monatlich zur Verfügung stehen, pro Tag jeweils 10 € ins Portemonnaie steckt. So wisse sie immer, wieviel Geld sie noch habe. Ich mache das so seit anderthalb Wochen – und ich war in der kurzen Zeitspanne nicht nur einmal in der Situation, in der ich mich fragte: „Kaufe ich das jetzt?“ und die Antwort lautete: „Nein, du brauchst es nicht.“

Außerdem erinnere ich mich oft daran, wie Peter Zwegat, der Schuldnerberater aus dem Fernsehen, mal eine Frau beriet, die sich ständig neue Sachen kaufte. Er fragte sie: „Wie hast du das denn vorher gemacht?“ (also ohne Küchenmaschine oder anderem Schnickschnack). Diese Frage ist einfach und logisch. Wie hast du es vorher gemacht? Ging es nicht auch ohne? Müssen wir immer sämtliches Begehren befriedigen? Wer macht, dass du die Dinge begehrst? Wem eiferst du nach, und was brauchst du wirklich?

Nein, es ist keine Kunstform, ärmer als die anderen und trotzdem zufrieden zu sein. Es ist der einzige Weg, der die Freiheit schafft, auch Entscheidungen zu treffen, die unbequem sind. Konsumreduzierung und -verzicht sind für die meisten ärmeren Menschen eine Notwendigkeit, aber auch eine Chance, genau zu betrachten, welcher Herde man ansonsten mit Geld nachlaufen würde.

Und, wenig Geld zu haben, ist auch die Chance, den Wert in sich selbst zu suchen und zu finden. Was bin ich ohne das ganze Geld? Ohne all das Zeug, für das ich heute bewundert werde, und das morgen wieder out ist?

Wie gesagt, eine Herausforderung. Ich werde versuchen, das Beste daraus zu machen.

Advertisements
Verschlagwortet mit

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s