Leben

Von Zeit und Leere.

Heute bin ich zum ersten Mal seit langem wieder einen ganzen Tag allein. Ich habe zwar die Nacht bei meinem Liebsten verbracht, aber da er bereits am frühen Vormittag mit Freunden zu einer Motorradtour aufbrach, bin ich dann auch heimgegangen. Erst wollte ich in meinen Garten fahren und dort den Tag verfaulenzen. Dann fiel mir ein, dass zuhause noch so viele unerledigte Dinge auf mich warten… Und habe damit angefangen.
Jetzt habe ich das meiste erledigt, ein schlechtes Gewissen, weil ich keine Lust mehr habe, weiterzumachen, und zum ersten Mal seit langem wieder ein (unangenehmes) Gefühl der Leere in mir. Interessant: Ich kann nicht genießen, Zeit zum Lesen zu haben. Ich warte auf den Anruf meines Freundes, der mir sagt, dass er wieder heil zuhause angekommen ist. Ich setze mich auf mein Bett, starre an die Decke, springe auf und reinige den Grill, der schon seit einer Woche verfettet auf dem Balkon steht. Ich setze mich einen Moment in die Sonne, aber dort ist es mir zu heiß. Ich überlege, doch noch in den Garten zu fahren, aber ich hab keine Lust, heute, aber auch dort ist es zu heiß. Ich tigere durch die Wohnung, räume hier etwas auf, stelle dort die Spülmaschine an. Es ist nichts Halbes und nichts Ganzes, kein Chillen, aber auch kein Hausarbeiten. Kein Lesen, aber auch kein Ruhen.

Und mir wird mal wieder klar, mein Leben ist so vollgestopft, dass ich kaum Raum habe, diese Leere zu empfinden. Oder ist es andersherum? Stopfe ich mein Leben voll, damit ich sie nicht empfinden muss?
Ich kenne das Gefühl schon lange. Das schlechte Gewissen, wenn ich „faul“ bin, obwohl noch etwas zu tun ist, ist Teil meiner selbst. Ich kann entspannen, wenn andere dabei sind, wenn ich sozusagen zum Entspannen verabredet bin. Ich kann entspannen, wenn ich bei meinem Freund bin und er mich ein bisschen umsorgt.

Aber wenn ich allein zuhause bin, kann ich es nicht. Fast nie. Ich ärgere mich darüber, und kann es kaum ändern. Es ist, als scannten meine Augen permanent die Umgebung. Liegen da nicht kleine vertrocknete Blätter in der Ecke hinter dem Ficus? Vor der Spülmaschine sind Wasserflecken, eigentlich müsste ich wischen. Der Wohnzimmertisch ist auch schon wieder so staubig. Und das Bad müsste ich mal wieder putzen. Die Bügelwäsche stapelt sich im Schrank. DieWollmäuseaufdemTeppichDerStapelPapieredieSteuererklärungistnochnichtfertigmeinGottschonwiedersovielAltglas……………..

Ist es, um die Leere zu füllen? Oder ist es einfach so eingeimpft, dass ich mir einfach nicht gestatte, mal nichts Produktives zu tun???

Ende August werde ich eine Woche allein auf Spiekeroog sein und dort zelten. Ich habe kaum Geld, also gibt es nicht viele Dinge, die ich tun kann. Ich werde selbst kochen, spazierengehen, lesen, vielleicht schreiben. Vielleicht komme ich meinem Loch dort etwas näher. Vielleicht kann ich die Leere, die ich mit Sicherheit auch dort empfinden werde, mit etwas anderem füllen als dem Gefühl, produktiv und effektiv sein zu müssen. Ich freue mich schon darauf, auch auf das unangenehme Gefühl der Leere. Denn immerhin werde ich dort nicht so stumm angeschrieen.

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