Leben

Wie man manchmal etwas zur rechten Zeit entdeckt. 

Eigentlich will ich nur eine Fahrradkarte kaufen.

Wir planen gerade unseren Sommerurlaub und wollen mit dem Rad von Dortmund an die Nordseeküste fahren. In meiner Mittagspause gehe ich in die Buchhandlung und stöbere ein bisschen, da wir aber die komplette Tour auf eigene Faust zusammengestellt haben, passen die Karten nicht oder nur teilweise zu unserem Weg.
Da fällt mir ein kleines orangenes Büchlein in die Hand. „Outdoor – Der Weg ist das Ziel – NRW: Jakobsweg / Schloss Corvey nach Aachen“.

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Mir fällt ein, dass mein Freund kürzlich noch davon erzählte, er habe eine  gelbe Jakobsmuschel auf blauem Grund irgendwo in Dortmund gesehen. Natürlich hatte ich Hape Kerkelings Buch gelesen und auch noch letztens den Film gesehen. Dass es jedoch auch Jakobswege in Deutschland gibt, wusste ich bis jetzt nicht.

Ich blättere neugierig durch den schmalen Band und finde sogar einen Weg, der durch Dortmund führt. In der Beschreibung heißt es sogar, dass man durch „meine“ Straße wandern kann!

In diesem Moment packt es mich.

Ich will sowieso an Pfingsten eine kleine Reise machen und überlege schon länger, wohin ich fahren könnte. Die Kinder sind bei ihrem Vater, mein Freund macht seine jährliche Motorradtour mit Kumpels – und ich sehne mich schon lange nach ein paar Tagen nur für mich. Es wird manchmal alles irgendwie zu viel, die Arbeit, die Ehrenämter, mitunter auch die verschiedenen Rollen als Mutter oder Partnerin – oder was man sonst so ausfüllt. Ein paar Tage ganz allein… Ein Traum. Aber eigentlich darf es so gut wie nichts kosten. Zuletzt war ein Kurztrip nach Amsterdam in der engeren Auswahl, die Hin- und Rückreise mit dem Fernbus wäre bezahlbar, vor Ort wäre es halt ein Bett in einem Mehrbettzimmer, drei Nächte für immer noch 105 €, was aber einigermaßen in meinem Budget läge. Dazu kämen noch Kosten für das Essen – und eventuell Eintritte in Museen etc.

Gebucht habe ich noch nichts, ich will noch abwarten, ob mein Exmann die Kinder noch einen Tag länger nehmen kann.

Und jetzt… Ich habe einen Floh im Ohr.

Der Jakobsweg… Im Grunde holt er mich zuhause ab.

Ich bekomme leuchtende Augen und irgendwie ein fiebriges Gefühl. Die restliche Mittagspause verbringe ich mit der Internetrecherche zu Jakobswegen in Deutschland, finde zwei verschiedene Möglichkeiten, von Dortmund aus zu wandern. Ein Weg, der ursprüngliche, so wie ich es verstehe, führt von Dortmund über Herdecke, Hagen-Haspe, Gevelsberg und Schwelm nach Wuppertal-Beyenburg, wo sich diesem westfälischen Weg die Nordrheinischen Jakobswege anschließen. Der zweite, ein relativ neuer Weg, führt von Dortmund über Essen, Ratingen und Jülich nach Aachen.

Ich muss nicht lange überlegen.

Bereits am nächsten Morgen erstelle ich meine Route:

Freitag Mittag (nach der Arbeit) von Dortmund nach Herdecke, Samstag dann die Strecke von Herdecke nach Gevelsberg und Sonntag den Rest nach Wuppertal – und wenn ich Montag noch dranhängen kann, geht es noch weiter bis Wermelskirchen. Ich bestelle bei den Jakobusfreunden Münster einen Pilgerausweis und nehme den ersten Kontakt zu einem Hotel in Herdecke auf. Dort soll es Rabatte für Pilger geben. Naja, 98 € für ein Einzelzimmer mit Frühstück klingt mir nach wenig Rabatt – und auch nicht so richtig nach einem authentischen „Pilgern“ (auch wenn es mir erstmal so gar nicht um das Religiöse geht). Der zweite und der dritte Anruf landen auf einer Sprechbox.

Versuche, in Gevelsberg eine Unterkunft zu finden, scheitern zunächst ebenfalls: Ein großes Fußballturnier, das dort stattfinden soll, hat bereits dafür gesorgt, dass zumindest die Hotels bereits alle ausgebucht sind. Schließlich lande ich bei der Pension Boehr, wo ich noch ein Einzelzimmer mit Dusche und WC für 38 € reservieren kann. Das finde ich einen fairen Preis – und Frau Boehr wünscht mir in der Bestätigungsmail „bereits jetzt gutes Anwandern“. Das rührt mich.

Bis mittags hat sich von den Herdecker Unterkünften noch niemand gemeldet. Ich bin ungeduldig, mein impulsiver Geist meldet sich und ich rufe in der Mittagspause an. Beim „Mini-Hotel“ meldet sich eine dünne, sehr alt klingende Stimme, die mir verrät, dass sie das Hotel schließen musste. Ich stelle mir eine bucklige, hochbetagte Frau vor, der man ihr Schmerzleiden anhört. Sie tut mir leid. Irgendwo habe ich gelesen, es sei das kleinste Hotel NRW, schade, dass es diese charmante Superlative nun nicht mehr geben soll.

Edit: Später lese ich, dass die ehemalige Besitzerin Ines Berger tatsächlich schon über 90 Jahre alt ist. Ich wünsche Ihnen alles Gute, falls Sie das jemals lesen, Frau Berger!

Meine gefühlt letzte Chance, bevor die Verzweiflung darüber, dass mein neuer kleiner Traum direkt zu platzen droht, überhand nimmt: Das Hotel „Rheinischer Hof„. Hier gerate ich telefonisch an eine sehr freundliche und energiegeladene Frau, die mir noch ein Einzelzimmer mit Dusche im Zimmer anbieten kann. Ebenfalls für 38 €, Frühstück inbegriffen, wobei ich hier sogar den Zuschlag von 5 € für die Belegung nur für eine Nacht erlassen bekomme. Das ist der Pilgerrabatt. Erfreulich!

Nur: Ich käme dann sicher am Nachmittag an, sagt sie. Hm. Nein, ich vermute eher, zwischen 19 und 20 Uhr. Die Strecke von Dortmund nach Herdecke beläuft sich auf rund 24 km. Ich rechne normalerweise mit 5 km pro Stunde, aber auf diesem Weg gibt es einige Anstiege, also brauche ich mindestens 6-7 Stunden. Mir tut es leid, dass ich den Inhaberinnen hiermit offenbar Mühe mache. Aber sie reagiert sehr freundlich und sagt, ich solle einfach anrufen, wenn es später würde.

Und ich zweifle daran, ob die lange Tour gleich am ersten Tag eine gute Idee war. Und ich habe fast ein bisschen Stress deswegen, als ich mich frage, ob es wohl in Ordnung ist, sich im Reinoldiforum den Startstempel zu besorgen und dann erstmal mit der U-Bahn bis zu den Westfalenhallen zu fahren, um damit locker 30 Minuten zu sparen… Es käme mir wie Betrug – an mir selbst – vor. Vielleicht ist es aber ein Kompromiss, den Weg bereits vorher mal zu wandern und dann tatsächlich die Abkürzung zu nehmen.

Ich bin noch keinen Schritt gegangen und fange schon an, Probleme zu sehen…

Aber es zeigt auch mein typisches Verhalten: Ich mache mir viel zu viele Gedanken über mich und andere.
Als spontane Lösung habe ich eigenmächtig meine Arbeitszeit auf 12 Uhr begrenzt – in der Hoffnung, dass meine Chefin schon nichts dagegen haben wird. Überstunden habe ich genug „auf dem Konto“.

Der Camino beschäftigt mich also schon jetzt in jeder freien Minute.

Ich visualisiere den Weg, sehe mich dort… Eine gute Bekannte, die den „richtigen“ Camino Francés bereits gegangen ist, wünscht mir auf Facebook „Buen camino“ und schrieb, „wenn du dich gedanklich damit beschäftigst, bist du schon auf dem Weg“. Ja, so fühlt es sich tatsächlich an.
Und es geht sogar so weit, dass ich mich frage, ob das ein Lebensziel sein könnte? Immer dort wieder anfangen, wo ich zuletzt aufgehört habe, zu wandern, bis ich irgendwann in Santiago bin. Es scheint ein schönes Ziel. Und auch wenn es, aufgrund der Lebensumstände, wegen Geldmangels und aus sonstigen Gründen, immer nur Etappen sein werden: Ich habe mir in den letzten Tagen vorgenommen, irgendwann schaffe ich es.

Seither fühle ich mich „entflammt“, begeistert, beseelt, energetisiert.

Es mag seltsam klingen, aber ich habe das Gefühl, dieser Zufall kam genau zur richtigen Zeit. Meine liebe Gartennachbarin sagte dazu „göttliche Zündung“. Auch, wenn ich nicht besonders religiös bin: Ja, vielleicht ist es auch das. Irgendetwas „from above „, was mir im genau richtigen Moment einflüstert: Das ist es, was du tun willst. Also tu es – und gehe den ersten Schritt.

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