Leben

2017 war gut zu mir.

Obwohl es das eigentlich nicht gibt. Es gibt keine guten oder schlechten Jahre. Es gibt nur die Jahre, die vergehen, ob und wie wir sie bewerten, liegt an uns.

Es gibt da diese wunderschöne chinesische Geschichte:

———

Der alte Mann und das Pferd

Ein alter Mann lebte in einem Dorf und war sehr arm, doch selbst Könige waren neidisch auf ihn, denn er besaß ein wunderschönes weißes Pferd. Die Könige boten phantastische Summen für das Pferd, aber er verkaufte es nicht.

Eines Morgens fand er sein Pferd nicht im Stall. Das ganze Dorf versammelte sich und die Leute sagten: „Du dummer alter Mann, was haben wir dir gesagt? Warum hast du nur das Pferd nicht verkauft? Wir haben es immer gewußt, dass das Pferd eines Tages gestohlen werden würde. Es wäre wirklich besser gewesen, es zu verkaufen. Welch ein Unglück ist jetzt geschehen!“

Der alte Mann aber sagte: „Kann sein oder kann nicht sein. Warum gleich urteilen? Sagt einfach nur das, was ist. Das Pferd ist nicht im Stall. Soviel ist Tatsache, alles andere ist Urteil. Ob es ein Unglück ist oder ein Segen weiß ich nicht, weil ich nicht weiß, was darauf folgen wird.“

Die Leute lachten den Alten aus. Sie hatten schon immer gewusst, dass er ein bisschen verrückt war.

Aber nach zwei Wochen kehrte das Pferd plötzlich zurück. Es war nicht gestohlen worden, sondern in die Wildnis ausgebrochen. Und nicht nur das, es brachte noch zwölf wilde Pferde mit. Wieder versammelten sich die Leute und sagten: „Alter Mann, du hast doch recht; es hat sich tatsächlich als Segen erwiesen.“

Der alte Mann entgegnete: „Kann sein oder kann nicht sein. Warum gleich urteilen? Sagt einfach, das Pferd ist zurückgekommen. Ihr lest nur ein einziges Wort in einem Satz; wie könnt ihr über das ganze Buch urteilen?“ Doch die Leute schüttelten nur verständnislos ihre Köpfe.

Der alte Mann hatte einen einzigen Sohn. Der begann nun, die Wildpferde zuzureiten. Schon eine Woche später fiel er vom Pferd und brach sich beide Beine. Wieder versammelten sich die Leute und wieder urteilten sie: „Was für ein ein Unglück! Dein einziger Sohn kann nun seine Beine nicht mehr gebrauchen, und er war die Stütze deines Alters. Jetzt bist du ärmer als je zuvor!“

Der Alte antwortete: „Kann sein oder kann nicht sein. Ihr seid besessen vom Urteilen. Geht nicht so weit. Mein Sohn hat sich die Beine gebrochen hat. Niemand weiß, ob dies ein Unglück oder ein Segen ist.“

Die Menschen wunderten sich über den Alten.

Es begab sich, dass das Land nach ein paar Wochen einen Krieg begann. Alle jungen Männer des Ortes wurden zwangsweise zum Militär eingezogen, nur der Sohn des alten Mannes blieb zurück, weil er nicht laufen konnte. Der ganze Ort war vom Wehgeschrei erfüllt, weil dieser Krieg nicht zu gewinnen war und man wusste, dass die meisten nicht nach Hause zurückkehren würden. Sie kamen zu dem alten Mann und sagten: „Du hattest recht, alter Mann, es hat sich als Segen erwiesen. Dein Sohn ist zwar verkrüppelt, aber immerhin ist er noch bei dir.“

Der alte Mann antwortete wieder: „Kann sein oder kann nicht sein. Ihr hört nicht auf zu urteilen! Ihr wisst doch nur, dass man eure Söhne in die Armee eingezogen hat und dass mein Sohn nicht eingezogen wurde. Nur Gott, der das Ganze überblickt, weiß, ob dies ein Segen oder ein Unglück ist.“

(Verfasser unbekannt, aus China zur Zeit Laotses).

————

Ich kenne diese Geschichte schon seit einigen Jahren, die Bedeutung war mir schon lange klar, aber in diesem Jahr habe ich zum ersten Mal das Gefühl, ich bekomme eine Ahnung, warum der alte Mann so reagiert – und ich beginne, die Dinge ebenso zu sehen.

Anfang des Jahres habe ich die Bobath-Fortbildung begonnen. Das war für mich eine große Sache, meine Chefin hat mich großzügig unterstützt und ich wollte auf keinen Fall scheitern. Gleichzeitig musste ich im Fobi-Vetrag unterschreiben, körperlich fit genug für diese Fortbildung zu sein – aber da war die MS, und ich wusste ja gar nicht, was die mir noch so „bescheren“ würde… Ich war nervös und ängstlich, ob ich es schaffen würde, wie üblich mit starken Selbstzweifeln.

Im Oktober dann hielt ich das Zertifikat in der Hand – und ich kann wirklich sagen, ich habe mehr gelernt als nur so einiges zum Bobath-Konzept. Ich habe etwas über Selbstvertrauen und meine eigenen Stärken gelernt – und selbst wenn ich niemals je auch nur eine Sache aus der Fobi am Patienten anwenden würde, war dieser Kurs für mich wertvoller als jedes Coaching-Seminar.

Erkenntnis: Oft sehe ich nur meine eigenen (vermeintlichen) Unzulänglichkeiten, die Stärken sind irgendwie selbstverständlich und deswegen weniger präsent. Also, öfter mal hinsehen: Was kann ich eigentlich gut, was ganz und gar nicht selbstverständlich ist? Und dafür dann auch mal dankbar sein.

Auch in diesem Jahr habe ich immer mal wieder versucht, einem selbst auferlegten Konzept zu folgen, sei es z.B. in punkto Ernährung, Sport, oder Minimalismus. Aber damit setzt man sich selbst immer nur unter Druck. Es ist nicht realistisch und auch nicht Lebenswirklichkeit, in immer den gleichen Bahnen zu fahren. Ich muss mich nicht schuldig fühlen, wenn ich an einem Tag nach einer 40 Kilometer-Wanderung einmal Fleisch esse, weil es nichts anderes auf der Karte gibt. Ich kann den Moment in Dankbarkeit genießen, ohne meine Ideale zu verraten. Ich muss kein schlechtes Gewissen haben, weil ich es bisher nicht geschafft habe, 100prozentig vegan zu essen, oder weil ich den Trainingsplan einhalten konnte, oder weil ich dann doch ein Teil kaufte, welches unnötig war. Ich muss mich nicht schlecht fühlen, weil ich nicht immer in dem Maße für den Verein (oder andere Verpflichtungen) da war, wie ich es von mir selbst erwarten würde…

Erkenntnis: Ich kann jeden Tag neu entscheiden und immer wieder das Beste geben. Aber wenn das Beste nicht immer gelingt, ist es auch kein Drama. Ich werde allein die Welt nicht retten, aber ich kann es immer wieder im Kleinen versuchen, und ich kann mir selbst verzeihen, wenn es mir einmal nicht gelingt.

Sehr zu schaffen gemacht hat mir die Diagnose „Multiple Sklerose“, die ich 2016 erhielt. Das Verrückte dabei ist: Ich dachte immer, ich würde total cool und sachlich damit umgehen, in diesem Jahr begriff ich dann, dass dem nicht so ist. Ich wollte eine Fassade aufrecht erhalten, die eigentlich zusammengebrochen war. Mir geht es körperlich mit kleinen Einschränkungen, die nicht dramatisch sind, gut – aber psychisch habe ich einen ordentlichen Knacks bekommen. Da ist zum einen die Verwundbarkeit, die ich auf einmal spürte, das kennen sicher alle, die Ähnliches durchgemacht haben. Zum anderen aber diese permanente Ambivalenz: Du hast da jetzt was, aber es fühlt sich nicht wirklich so an. Dieses ständige Abscannen des eigenen Körpers: Ist das Kribbeln ein neuer Schub? Flackern da nicht die Augen? Diese bleierne Müdigkeit, ist das Fatigue oder einfach nur der Schlafmangel? Und last not least: Ich weiß als Physiotherapeutin von dem sogenannten „Krankheitsgewinn“. Ähnlich wie es die oben stehende Geschichte beschreibt, hat auch eine Krankheit nie NUR negative Seiten. In fast allen Fällen haben die Kranken auch einen Gewinn durch sie: Da ist alles dabei, von mehr Aufmerksamkeit über mehr Rücksichtnahme bis hin zur Rechtfertigung, warum man schlechte Gewohnheiten und negative Eigenschaften einfach nicht abstellen kann („Geht nicht, ich bin doch krank! Das kann man jetzt nicht auch noch von mir erwarten“). Die Liste ist endlos. Natürlich hatte ich den Anspruch, besser zu sein. Ich wollte auf keinen Fall der MS dienen, indem ich sie für mich nutzen würde oder als Begründung für irgendetwas vorschieben würde. Tja, und gleichzeitig war ich manchmal neidisch auf Menschen, die genau das taten. Die sich scheinbar sagten, „ich habe das jetzt, also soll es auch mal für etwas gut sein.“

Diese innere Zerrissenheit ist nicht lustig. Ich habe einige Zeit gebraucht, um zu kapieren, dass sie da ist. Jetzt kann ich mit ihr umgehen.

Erkenntnis: Es ist ganz egal, wem ich in welchem Ausmaß etwas „vorjammere“. Ich leide doch nur allein – so oder so. Es hilft nichts, Angst vor dem zu haben, was sein könnte. Was sein könnte, weiß ich genauso wenig wie ein „gesunder“ Mensch – ihn kann es morgen schlimmer treffen und ich könnte verschont bleiben. Mit den Einschränkungen, die ich habe, muss ich umgehen und leben. Es hilft mir nicht, sie mir oder anderen immer wieder aufzuzählen – es ändert nichts an ihnen. Es hilft nicht, sich mit anderen zu vergleichen. Ein gewisses Bewusstsein für die eigene Vergänglichkeit (zu der auch Krankheit gehört) ist nicht „depressiv“. Es ist erleichternd, weil es den Druck nimmt, unsterblich und perfekt zu sein. Und es führt zu mehr Dankbarkeit gegenüber den eigenen verbliebenen Fähigkeiten und der eigenen Gesundheit. Sei diese Erkenntnis mein Krankheitsgewinn, auch im neuen Jahr…

Eine wertvolle Erfahrung war auch, in einer Wahl für einen politischen Posten unterlegen – und dennoch nicht gescheitert zu sein.

Erkenntnis: Nicht gewählt zu werden, gibt Freiheit.

Ein ganz großer Schritt für all diese Erkenntnisse war die Lektüre des Buches „Leben wie ein Fluss – Gleichmut bewahren in unruhigen Zeiten“ von Bodhipaksa. Ich glaube, das ist ein Buch, welches ich auch noch ein paarmal lesen werde. Selten hatte ich soviele Aha-Momente. Schade, dass es z.Zt. nur als eBook erhältlich ist – ich kann es nur jedem empfehlen. Naturwissenschaftlich basiert und mit bestechend logischen Argumenten, fernab von abgedrehten oder mystischem esoterischem Dogmatismus, beschreibt der Autor hier, warum wir alle eins sind. Oder dazu werden. Warum die einzige Konstante in unserem Leben Veränderung ist. Warum wir selbst in dieser Sekunde nicht mehr dieselben sind wie noch vor fünf Jahren, vor drei Monaten, vor zehn Stunden oder vor zwanzig Sekunden. Und warum das Anhaften an ein feststehendes, unveränderliches und unsterblichen Selbst ein Grund für so einiges Leid ist.

Erkennntnis: Was es auch ist, von dem ich glaube, dass es mich ausmacht, ob Gesundheit, Geld, Beziehungen, Statussymbole oder persönliche Eigenschaften: Nichts davon ist für die Ewigkeit.

Das ist nicht ich. Das ist nicht mein. Ich bin das nicht.

„Alles ist im Fluss… also kann ich es auch direkt innerlich loslassen… und mitfließen. Ich wünsche mir, dass mir das in 2018 immer häufiger gelingt.

Und all das wünsche ich auch Euch. Ein bisschen mehr inneren Abstand zu den Emotionen und reflexartigen Affekten (von sich selbst und anderen): Auch diese sind vergänglich. Ein bisschen mehr Gelassenheit in Momenten, in denen alles untergehen zu scheint: Auch diese Momente sind vergänglich. Und auch ein bisschen mehr Achtsamkeit und Dankbarkeit für die kleinen schönen Momente: Denn auch diese sind vergänglich. So ist das Leben ein Fluss, und wir treiben mit. So war 2017 – und so wird 2018.

Auf ein frohes und gesundes Neues! Guten Rutsch euch allen.

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Ein Gedanke zu „2017 war gut zu mir.“

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